· 

Kein Sommernachtstraum

Jetzt könnte ich sagen "Da haben wir ihn, den Salat!", um dann fröhlich über die aktuelle Situation der Stadt zu skandieren und eventuelle Schuldige zumindest bildlich ans Tageslicht zu zerren. 

 

Doch - so einfach mache ich es mir und Ihnen nicht. Um die gesamte, komplexe Situation halbwegs verständlich zu machen sind ein ein paar Basics notwendig.

Diese möchte ich noch kurz hier anbringen, damit jede und jeder geneigte Leser dann am Ende das finden möge, was er sucht. Der Zornige wird einen Funken für den Zorn finden. Jemand, der ausschließlich Lobeshymnen singen möchte, wird Noten finden. Die Wahrheit sollte irgendwo dazwischen sein.

 

Eine kleine Anmerkung sei mir noch erlaubt: Das Geschriebene ist meine eigene Sicht der Dinge. Für meine Worte bin ich selbst verantwortlich - jedoch nicht für das, was der Leser daraus macht oder schließt. Sollten sich Fragen ergeben, scheuen Sie sich niemals diese zu stellen. Man kann nur gewinnen, wenn man fragt!

 

Im vorherigen Artikel hab ich beschrieben, mit welcher (politischen) Konstellation ich arbeite und wer eigentlich die "Entscheidungen" trifft. Das Amt der Bürgermeisterin beinhaltet also keine völlige Entscheidungshoheit - nur in einem Bereich habe ich grob gesagt den Hut auf und brauche keine politischen Beschlüsse: Der Bereich der Ordnung. Klingt schon mal gut, oder? Dummerweise muss ich mich dort jedoch an die Gesetze halten und Dinge so entscheiden, wie es der Gesetzgeber vorgibt. Also wieder nichts mit Zepter schwingen und bestimmen. Nur im Organisatorischen der Verwaltung, also meinem Maschinenraum, habe ich so gesehen das "Sagen". Ich bin Chefin der Verwaltung und halte im Notfall auch hier für alles den Kopf hin. Das kommt aber wirklich nicht oft vor, sodass ich sehr oft sagen kann - hey, wir sind ne gute Truppe und leisten echt zusammen verdammt gute Arbeit. Für mich mit einer der schönsten Teile in meinem Job!

 

Alle anderen Bereiche sind - je nach Tragweite - durch die Beschlüsse der politischen Gremien bestimmt.

Genau dies hat dann auch mit der derzeitigen Situation bei der Stadt Runkel zu tun. 

 

Wir befinden uns in Runkel gerade auf dem kalten Boden der Tatsachen. Die heutige Situation ist das Ergebnis aus mindestens zwei Legislaturen Bürgermeistern und politischen Gremien (also mindestens 12 Jahren), Landes- und Bundespolitik sowie EU- und Geopolitik und gesellschaftlichem Wandel. Zu guter Letzt stört dann irgendwann auch noch der Faktor Mensch hinein.

 

Das alles hört sich erst einmal verwirrend an, weil diese Komplexität oftmals nicht beschrieben ist, wenn man die Aussage "Die Stadt hat kein Geld!" hört. Ich drösele die Punkte einmal auf, damit die Abhängigkeiten klar werden. 

 

Was tut eigentlich so ein Bürgermeister?

Jeder Bürgermeister / Bürgermeisterin bringt, neben seiner beruflichen Fachlichkeit (oder einer anderen Fähigkeit) maßgeblich seinen Charakter, seine Haltung und Werteverständnis mit ins Amt.

Eine gute Portion Leidensfähigkeit und Mut sollten auch unbedingt vorhanden sein - das notwendige dicke Fell wächst einem mit jedem Tag ans Beinkleid. Hilfreich ist, neben einem Hang zum Verstehen multikomplexen Sachverhalten jeglicher Couleur, eine vorherige Tätigkeit in einer Behörde. 

 

Geht man ohne Verwaltungs- oder Behördenerfahrung in eine solche Organisation (und das auch noch als oberster Vorgesetzter), dauert es mindestens drei Jahre, bis man das Grundprinzip des Bürokratiemodelles nach Weber verstanden hat. 

Webers Konzept beschreibt die Verwaltung als eine hoch organisierte, formale und unpersönliche Institution. Sie basiert nach diesem Modell auf mehreren essenziellen Prinzipien, die Willkür verhindern und für maximale Effizienz sowie Berechenbarkeit sorgen sollen.

Weitere drei Jahre gehen drauf, bis man sich halbwegs durch die teilweise obskur anmutenden rechtlichen Bereiche manövrieren kann, ohne kognitiv auf Grund zu laufen und keine größeren Schäden anzurichten. Dann ist in Hessen auch schon die Legislatur vorbei - aber man hat dabei dann auch mindestens 3/4 der Wochenenden auf Festen, Feiern oder Veranstaltungen verbracht.  

An diesem Punkt bin ich schon einmal froh, dass ich bereits 31 Jahre im öffentlichen Dienst verbracht habe und den "Weber" ein wenig in der DNA habe. Wer die Regeln kennt, kann sie ja klug brechen. Das hilft mir vor allem im Bereich Behördenstrukturen, Bürokratieabbau (was für ein Wort!) und Digitalisierung. Hier muss man nach meiner Meinung zwingend die Grundprinzipien des Systems verstehen, damit eine tragfähige Entwicklung möglich ist. 

 

Um in der kommunalen politischen Landschaft in diesem Amt nicht unterzugehen, bedarf es auch einiger Skills. Die hat man oder lernt sie. 

Hierzu muss man sein Berufsbild und die Kernaufgabe des Jobs "Bürgermeister" immer vor Augen haben: Wir sind - ob parteiunabhängig oder parteigebunden - ab Tag eins mitten drin in der Politik. Zwischen Fraktionen, Meinungen, unterschiedlichen weltlichen Auffassungen, Egoismus und Fanatismus tanzen wir tagtäglich auf einem schmalen Grat.

Die Kür hier besteht darin, selbst möglichst neutral in der Haltung und immer im Sinne der Belange der Stadt und Bürger, einen Konsens zwischen allen Beteiligten herzustellen. Wir müssen die Adler sein, die zu jeder Zeit alles im Blick haben.  

 

Wie man das macht? Ich könnte jetzt sagen wie es ist. Verabschiede dich von deinem Privatleben. Gerade wenn man Bürgermeister in einer der "kleineren" Städte ist (die aber den größten Anteil in Deutschland einnehmen, auch wenn das gerne mal vergessen wird). Irgendwann hat dich jeder schon einmal gesehen, du bist immer im Dienst. Auch Samstags morgens beim Einkaufen, im Urlaub in Dänemark oder eben wie bei mir wenn ich in Wacken bin. Aber das ist auch gut so. 

 

Wir müssen diejenigen sein, die überall Leute kennen, die Leute kennen.

Ein Netzwerk zu allen relevanten Akteuren in Wirtschaft, Kommunal- bis Bundespolitik, gerne auch EU-Politik, Zuchtvereinen, Weinbauern, IHK, Handwerkskammern, Vereinen und sonstigen örtlich wichtigen Themen ist Überlebens wichtig. 

 

Unsere Währung ist schnelles Wissen und Kontakte, den Überblick behalten und die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zueinander zu bringen. Themen schneller kennen als sie akut werden, politische Strömungen einordnen und auf konkrete Themen in der Stadt herunterbrechen. Wir müssen ein komplexes System von Abhängigkeiten, Strukturen und Rechtsdogmatiken, menschlichem Verhalten und Machtansprüchen verstehen und für unsere Kommune, für uns, bestmöglich zu nutzen wissen.

Das auch gerne einmal auf einem Volksfest nachts um zwei Uhr mit einem alkoholischen Getränk in der Hand. Hier muss ich immer an das Bild denken, was ein Vortragender bei einem Symposium sagte: "Als Bürgermeister wird man fast zwingend zum Berufsalkoholiker." Von dem Umstand ab, dass ich selbst in der Hand habe ob und wann ich trinke: es ist eine gesellschaftliche Norm, auf Festen anzustoßen. Ob man dagegen verstoßen möchte, ist ja jedem selbst überlassen. 

 

Am meisten kümmern wir uns um Geld. Wie kriegen wir welches für unsere Stadt in die Kasse?

Wie es am besten klappt, zeigt uns die Geschichte. Im Mittelalter prägten Zünfte, Handel und die Kirche den Reichtum einer Stadt. Im Grunde ist es heute immer noch so - Gewerbebetriebe, also die Wirtschaftsakteure und Tourismusbetriebe, sind das finanzielle Rückgrat einer Kommune.

Wie glücklich sich Runkel eigentlich schätzen kann mit seinen Burgen, der Historie sowie der wundervollen Lage an der Lahn! Potential ist also da für einen Bürgermeister hier. 

Ohne Finanzkraft ist keine gute Daseinsvorsorge möglich, Entwicklung gerät zur Abwärtsspirale und die Kommune hat keine Möglichkeit gutes Personal in der Verwaltung zu halten. 

 

Persönlich sage ich immer, dass mein Hauptjob Betteln und Hausieren ist. Natürlich muss ich dafür viel unter Menschen, auf Veranstaltungen. Bundesweit. Dabei muss man auch neben ordentlicher Kleidung auch sein Fachwissen im Koffer haben, um aus der Vielzahl von Informationen genau die relevanten heraus zu ziehen und die richtigen für den eigenen Job einsetzen zu können. Aber auch das geht nicht ohne Geld - ein guter Name und halbwegs gut aussehend rumstehen reicht eben dann doch nicht. 

 

Kurz und knapp gesagt: Bürgermeister sind allzuständig, auch wenn wir nicht zuständig sind. Solange es auf dem Stadtgebiet passiert, sind wir verantwortlich und müssen oft auch Dinge erklären, die wir selbst eigentlich nicht verstehen. Das gehört auch zur Wahrheit. Wir halten den Kopf für Entscheidungen hin, die wir oftmals gar nicht getroffen haben (siehe politische Gremien). Aber wir sind greifbar für die Bürgerschaft. Wir sehen zu, dass wir in dem Mix aus Alltagsgeschäft, Politik, Wirtschaft und normalem Wahnsinn den Überblick behalten und dabei auch noch gut wegkommen. Irgendwie - jeder auf seine Weise. 

Wir machen das für die Bürgerinnen und Bürger. Für die Gesellschaft. Wir sind keine Alleinkämpfer - aber oft genug sind wir allein unter vielen. Mit viel Herzblut, weil dieser Job eigentlich Spaß macht und man wirklich etwas bewegen kann. 

 

Wieso das aber in heutigen Zeiten sehr schwierig wird kommt dann im nächsten Blogartikel: die Politik. 

 

Danke fürs Lesen!

Antje Hachmann  

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Susanne Zacherl (Freitag, 12 Juni 2026 12:14)

    Ich finde deinen Artikel sehr gut und auf den Punkt gebracht .

  • #2

    Anne Chylewsky (Freitag, 12 Juni 2026 13:56)

    Besser hätte man es nicht verständlich ausdrücken können.
    Eine Stadt mit Menschen lebt von Wirtschaft und Tourismus, den man in Runkel sehr gut vorantreiben kann.