Quoten-Tutnix

Gefunden. Endlich. Ich dachte schon, dass wir im Arschloch-Paradies wohnen. Mit gesitteten Hundehaltern, die ihre Tölen einfach an die Leine nehmen, wenn andere (wir) angeleinte Hunde auftauchen. Mitnichten – die Quote ist soeben erfüllt worden.
Es stürmt. Und regnet. Wir mögen das. Von Haus aus, rein genetisch, bin ich Friese. Friesen sind mit Sturm total zufrieden und glücklich. Die können damit um. Und da ich das schon immer ausgestrahlt habe, finden meine Arschlöcher Sturm auch geil. Bestes Beatmungswetter für den Gelenkbus, und Uschi versucht schneller als der Wind zu sein.
So gut gelaunt ziehen wir heut morgen los. Ab aufs Feld, mit dem fröhlichen Gedanken und Wunsch, dass keiner außer uns das Wetter mag und die Wege leer sein mögen.
Sind sie auch, anfangs. Todesstern und Gelenkbus dürfen im Vorhang-Regen auf der gefluteten Wiese kurz spielen. Ich bin glücklich weil die Krampen glücklich sind. Der Wind schleudert bei allen die Glitzerknete ordentlich an die Schädeldecke und der geneigte Betrachter könnte zum Schluß kommen, dass wir alle Eichhörnchen auf Drogen sind. Muss so ähnlich aussehen.
Seitenblick. Auf dem Hügel, wo ich stehe und die beiden lieblichen Elfen Panzer spielen, habe ich super Übersicht auf alles, was kommen könnte. Ich sehe am Weg eine Frau mit – OHA – unangeleintem Hund. Da bei dem Wind ein Kommando auch mal verhallen kann rufe ich die beiden Schlachtschiffe zurück. Klappt sogar beim dritten Mal, die sind nur schmollig weil sie nicht mehr weiter in der Matsche spielen dürfen. Die Frau kommt erstaunlich schnell näher – der Hund von ihr immer noch fröhlich vorneweg, reichlich Abstand zum Frauchen. Diese macht nicht die geringsten Anstalten, diesen Umstand zu ändern. An der Körperhaltung der Frau sehe ich dummerweise, dass sie es auch nicht tun wird. Eine Tutnix-Halterin. Der Tutnix hat uns auch auf dem Radar und läuft in klassischem steifen Gang posend auf uns zu. Ich hoffe das beste, alle sind angeschnallt und meine BDSM-Künste sind heute voll entfaltet. An der Gabelung nehme ich den Weg weg von Tutnix, der inzwischen auf 20 m näher gekommen ist. Kritische Distanz. Tutnix-Frauchen macht wie erwartet – nichts. Ich beschließe, mich runter zu fahren (hahahaaaaaa…ha.) und einfach weiter zu laufen. Rücken zum Tutnix. Todesstern und Gelenkbus rechts und links, laufen mit. Ohne umdrehen. Leise regt sich die Hoffnung, dass wir einfach weiter laufen können. Mit quitschenden Pfoten hält der Gelenkbus an. Anker. Umdrehen. SCHEISSE. Der Tutnix, graues irgendwas von ca. 25 kg (also leichte Mittelklasse) steht und starrt. Todesstern dreht sich um – starrt. Ich stelle mich vor die beiden, schreie Tutnix mit „AAAAABB!!!“ an. Bei vielen Hunden hilft das, weil die meist niemals nicht ein böses Wort zu hören bekommen. Den schockt das aber nicht, der starrt und kommt näher.
Prima. Kann ich grade noch denken. Leinen nass und rutschig, ich habe versäumt mir alles viermal um die Hand zu wickeln. Der Gelenkbus lässt den V6 aufjaulen und schmeißt Allrad an. Der Weg ist scheiße rutschig und völlig durchweicht, ich versuche Halt zu finden und vergesse, die Bondage-Leine vom Todesstern richtig um die Faust zu wickeln. Da der Gelenkbus völlig immun gegen „Leinenruck“ und „Du darfst dem nicht so am Halsband ziehen“ ist werde ich mit gefühlten 40 Sachen beschleunigt. Ich kann mich grade halten, allerdings surfe ich auf den (Gottseidank!) Wanderschuhen Marke Salomon „Grip“ mit mittelmäßigen Haltungsnoten hinter dem Gelenkbus her. Was der Todesstern grad macht, sehe ich nicht. Hinter mir. Während ich versuche, nicht auf die Fresse zu fallen, hat der Gelenkbus noch mehr Fahrt aufgenommen und zieht mich an seinem Halb-Würger- Halsband unbeeindruckt hinter sich her. Ich surfe weiter, auf einmal …. Todesstern. Links vom Gelenkbus beschleunigt kann ich die Leine nicht mehr ranziehen, verheddere mich und… verliere die Leine. Ein lauter Knall ertönt – Todesstern hat die Schallmauer durchbrochen und fliegt auf den Tutnix zu. Den Gelenkbus kriege ich mit einem Fuß zum bremsen. Im surfen zwischen die Hinterbeine gelangt mit den Beinen, wozu sind die schließlich so lang bei mir. Praktisch. Gelenkbus steht, zieht aber weiter. Ich sehe den Todesstern kurz vorm Aufprall am Tutnix und befürchte das allerschlimmste. Aber Oha, der Tutnix weicht leicht aus, sichtlich beeindruckt, und der Todesstern belohnt dieses Alternativverhalten mit einer Scheinattacke und läuft aus. Ich hab Puls. Aber richtig.
Das Tutnix-Frauchen schaut sich alles seelenruhig an. Ihrer tut ja nix, ne? Dass meine ohne Probleme ihren Hund – bei entsprechender Situation – in mundgerechte Happen zerlegen könnten ist nicht präsent in ihrem Hirn. Auch nicht, dass die es tun würden. In meinem Hirn existiert das aber. Ich habe Verantwortung und die ist mir bewusst (sonst wären die ja nicht an der Leine gewesen, nech?)
Ich schreie (gegen den Wind. Mach das mal.) USCHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII! Tonlage eindeutig. Findet der Todesstern auch. Guckt, kommt zurück gepflastert und steht vor mir. Das überfordert mich für eine kurze Sekunde. Hallo, die hat grade einen super Kampf im Matsch für mich sausen lassen. STRIKE!!!
Also kann ich Uschi an die Leine nehmen und meinen Zorn auf die Tutnix-Halterin richten. Was sie denn meinen würde, WARUM die Hunde an der Leine sind? Das Bild muss fantastisch gewesen sein. Einmeterneunzig mit wehenden roten Haaren, wütend brüllend, mit zwei Deppen-Corsos an der Leine, rechts und links drapiert, steht auf nem Hügel im Regen.
Hat die dann bewogen, zumindest so zu tun als ob sie interessiert, ob ihr Hund gleich noch atmet oder nicht. Mehr kann ich nicht sagen, ich hab mich umgedreht und bin gegangen.
Meine Tölen hab ich gelobt. Aus ganzem, ehrlichen Herzen. Gestreichelt und in den höchsten Tönen als beste Arschlöcher der Welt, mitten im Sturm und Regen in der Matsche, lieb gehabt. So wie ich sie nun mal liebe. Beide haben mich verständnisvoll angesehen – und mir gezeigt, dass wir einfach ein Team geworden sind. Mit Ecken und Kanten, aber ein Team. Da passt kein Millimeterpapier zwischen. Höchstens mal ein Tutnix, aber dem erklären wir das auch noch.

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Wohlstandshund (Mittwoch, 04 Mai 2016 22:06)

    Oh ich bin gerade so begeister über diese Erzählungen, weil es mich so unendlich beruhigt, nicht die einzige mit "Arschlochhunden" zu sein. Sonst liest man im Netz jmeist a nur von relativ wunderbar erzogenen Hunden mit lustigen Marotten und tollem Sozialverhalten.
    Mein Vorteil ist allerdings, dass ich nur zwei 20-Kg-Hunde an der Leine habe. Und falls mir der Tutnix tatsächlich sympatisch und ungefährlich erscheint habe ich meinen Puffer-Klimt, den ich vorschicken kann, um den Tutnix-Besitzer zwischenzeitlich zu erklären, dass er jetzt die letzte Gelgenheit hat, seinen abzurufen, bevor er auf meine immernoch angeleinte Hündin trifft. "Die Schwarze beißt nämlich!"